Immer mehr Züchter sehen in der Handaufzucht von Papageien eine relativ problemlose Alternative zur Naturbrut. Die Vorteile einer solchen Methode scheinen auf der Hand zu liegen, während man zum Erkennen der Nachteile einer gewissen Einsicht in die Thematik bedarf. Das Erzielen höherer Jungtierzahlen von einem Zuchtpaar in kürzerer Zeit, mit dem Ergebnis meist sehr zahmer Tiere, die man schnell an Interessierte weiterveräußern kann, scheinen hierbei als Vorteile auszureichen, um immer wieder Züchter zu animieren, Handaufzuchten anstelle der oft durchaus möglichen Naturbrut zu setzen. Doch welchen Preis zahlen wir für unser oberflächliches Verhalten?
Als Beispiel wäre hier der Loro Parque (Teneriffa) zu nennen, der eine der größten europäischen Papageiensammlungen unterhält. Hier wird die Anzahl der Handaufzuchten gering gehalten, um späteres Fehlverhalten auszuschliessen. Sollte es durch Handaufzuchten tatsächlich zu Fehlprägungen kommen, würde dies die Bemühungen im Sinne einer „Arterhaltung durch Zucht“ in Frage stellen, da mit fehlgeprägten Tieren eine Zucht nicht oder nur schwer möglich wäre.
Dass es zu solchen Beeinflussungen des natürlichen Verhaltens kommen kann, belegen einige Studien. So auch eine Studie der Universität Kalifornien, die sich mit dem Aufzuchterfolgen handaufgezogener Nymphensittiche (Nymphicus hollandicus) beschäftigt. Hierzu wurden jeweils Paare die aus einem handaufgezogenen Männchen und einem Naturbrut-Weibchen, einem Naturbrut-Männchen und einem handaufgezogenen Weibchen oder ausschließlich aus handaufgezogenen bzw. Naturbrut-Partnern bestanden. Durch entsprechende Haltungsbedingung und das Anbieten von Nistkästen konnten alle Paare gleichzeitig zur Brut stimuliert werden. Verglichen wurden jeweils das erste Inspizieren des Nistkastens durch die Männchen, die Eiablage (Anzahl und Ort) und der Aufzuchterfolg der Paare. Das Ergebnis war interessant und erschreckend zugleich. Die Handaufzucht wirkte sich auf die Geschlechter unterschiedlich aus. Handaufgezogene Weibchen legten durchschnittlich mehr Eier als Weibchen aus der Naturbrut, taten dies aber häufig auf dem Volierenboden anstatt im Nistkasten. Die hohe Eizahl wird damit begründet, dass auf den Boden gelegte Eier jeweils abgesammelt wurden. Die Befruchtungsrate, das erste Inspizieren der Bruthöhle und die Gelegegröße - sofern im Nistkasten gelegt wurde - war zwischen den handaufgezogenen und naturbebrüteten Männchen kaum unterschiedlich. Erstaunlich ist allerdings, dass nur Paare mit Naturbrut-Männchen in der Lage waren, ihre Jungen bis zur Selbstständigkeit aufzuziehen. Dieses Ergebnis wird damit erklärt, dass frühe Aufzuchterfahrungen offensichtlich entscheidenden Einfluß auf den Bruterfolg nehmen. Ferner helfen sie den Tieren, geschlechtsspezifische Merkmale zu erkennen und die richtige Nistplatzwahl zu treffen. Der Einfluß der Handaufzucht auf das Sexualverhalten der Vögel wurde ebenfalls bei Tauben, Stockenten und Zebrafinken festgestellt.
Blanchard (1997) weist auf die Bedeutung der Sozialisation von Papageien hin. Sie sieht in der fehlenden Sozialisation die eigentliche Ursache für fehlende Bruterfolge und bezweifelt, daß diese durch Prägung auf den Menschen verursacht werden. Sie sieht die Prägung nicht als irreversibel an, sondern beruft sich auf ihre Erfahrung als Züchterin, wenn sie Prägungsvorgänge als “nicht in Stein gemeißelt” ansieht (Blanchart 1997), wissenschaftliche Beweise für ihre These bleibt sie jedoch schuldig.
Eine wissenschaftliche Untersuchungen zu den Folgen der Handaufzucht bei Papageien legten Preiss und Franck (1973) vor. Anhand von Rosenköpfchen (Agapornis roseicollis) wurden wertvolle Hinweise über die Folgen einer isolierten Handaufzucht aufgezeigt. Es wurden sechs Rosenköpfchen per Hand aufgezogen, wovon drei völlig isoliert aufwuchsen, d.h. ohne jeglichen Kontakt zum Pfleger und Artgenossen und die anderen drei mit ständigem Kontakt zum Pfleger. Desweiteren hatten diese drei Tiere die Möglichkeit beim Freiflug mit Artgenossen in Kontakt zu treten. Im Alter von sechs Monaten wurden Resozialisierungsversuche mit ihnen durchgeführt. Mitdem Ergebnis, dass sich die isoliert handaufgezogenen Tiere langsamer entwickelten als die unter ständigem Sozialkontakt aufgezogenen Tiere. Im Vergleich zu den normal aufgezogenen Tieren fiel auf, dass sich die isoliert aufgezogenen Tiere langsamer bewegten und weniger lebhaft waren. Beim ersten Zusammensetzen der Tiere zeigte sich, dass auch die isoliert aufgezogenen Tiere über eine Reihe wichtiger sozialer Verhaltensweisen verfügten. Die beiden isoliert aufgezogenen Weibchen zeigten untereinander stark aggressives Verhalten und Schnabelfechten. Diese Verhaltensweisen kann man auch bei Naturbruten beobachten, sie entsprechen dem natürlichen Verhalten. Bei den normal handaufgezogenen Tieren gab es bei der Resozialisation keine Schwierigkeiten. Zwei der Tiere verpaarten sich im Schwarm, das dritte Tier blieb zunächst unverpaart, fand später allerdings auch noch Anschluß. Bei den isoliert handaufgezogenen Weibchen gelang die Verpaarung im Schwarm hingegen nicht. Aufgrund ihres aggressiven Verhaltens mußten sie aus dem Schwarm entfernt werden. Eine gezielte Einzelverpaarung gelang nur bei einem der beiden Weibchen, das zweite Weibchen war für ein Verpaarung zu aggressiv.
Einer weiteren Untersuchung (Sistermann 2000) lag die Hypothese zugrunde, daß bei Handaufzucht von Papageien vermehrt Fehlverhalten in der Jungenaufzucht auftreten. Mittels einer Fragebogenaktion und späterer statistischer Auswertung gelang es, die Hypothese zu bestätigen. Bei den betrachteten Graupapageien und den sonstigen Arten konnte eindeutig ein Zusammenhang zwischen Handaufzucht und auftretendem Fehlverhalten nachgewiesen werden. Dieses Fehlverhalten, speziell das Nichtfüttern der Jungtiere, ist so gravierend, dass eine erfolgreiche Brut ohne menschliches Eingreifen nicht möglich erscheint. Das dieser Zusammenhang bei Aras, Amazonen und Kakadus nur bei den sonstigen Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte, liegt sicherlich an der geringen Anzahl der untersuchten Paare. Das die gezeigten Fehlverhalten auf Handaufzucht zurückzuführen sind, konnte durch den Einbezug von weiteren Faktoren, z.B. Haltungsform und Fütterrungsweise, die sich jeweils als nicht signifikant erwiesen, aufgezeigt werden. Die Einschätzung der Züchter, die 37,28% der handaufgezogenen Graupapageien als menschengeprägt ansehen, unterstützt die im Rahmen der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse, daß die Handaufzucht zu Fehlprägungen führen kann.
Somit ist die Praxis der Handaufzucht allgemein in Frage zu stellen, zumal das Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien eindeutig fordert, dass Jungvögel so aufzuziehen sind, daß sie artgeprägt sind (BML 1995). Dies kann die Handaufzucht eindeutig nicht gewährleisten, auch wenn Handaufzucht nicht zwingend zu Fehlprägungen führen muß.
Ein weiteres Beispiel, dass zur kritischen Überprüfung jeder Handaufzucht geradezu aufruft, ist die Auswilderung handaufgezogener Arasittiche (Rhynchopsitta p. pachyrhyncha) in Arizona. Im Gegensatz zu Nachzuchten die von ihren Eltern aufgezogen wurden, schlossen sich ausgewilderte Handaufzuchten nicht dem bestehenden Schwarm an und konnten nur durch erneutes Einfangen vor Beutegreifern geschützt werden. Die Naturbruten allerdings waren nach kurzer Zeit im Schwarm integriert und in ihrem Verhalten nicht mehr von ihren wildlebenden Artgenossen zu unterscheiden. Die Eignung handaufgezogener Tiere für Auswilderungsversuche ist demnach grundsätzlich in Frage zu stellen. Nun könnte man argumentieren, dass für in Europa nachgezogene Papageien in der Regel kaum eine Chance für eine Auswilderung besteht, so daß zumindest letzteres Beispiel nicht uneingeschränkt als Argument gegen die Handaufzucht zu werten ist. Allerdings blieben dann noch die Ergebnisse der ersten Untersuchung, die ja eindeutig belegen, dass die Handaufzucht negative Folgen auf spätere Zuchterfolge haben kann. Diese sollten jedoch Ziel jedes ernsthaften Vogelhalters sein, nicht etwa aus Gründen des Artenschutzes, sondern vielmehr aufgrund der Kriterien, die uns die Tiergartenbiologie an die Hand gibt. Ferner ist zu bedenken, dass auch das zweite Beispiel belegt, dass Handaufzuchten die ursprüngliche Art, vor allem bezüglich deren Verhaltensweisen durch eine oftmals starke Bindung zum Menschen verfälschen können. Dies steht ebenfalls im krassen Gegensatz zu den Forderungen der modernen Wildtierhaltung. Um bei den Argumenten der Tiergartenbiologie zu bleiben, sei an dieser Stelle nochmals wiederholt, dass nur eine selbstständige Vermehrung der Tiere als Kriterium für ein gelungenes Haltungssystem angesehen wird. Schon allein deshalb ist eine grundsätzlich durchgeführte Handaufzucht zu verurteilen, da sie eine Überprüfung der Haltungsbedingungen in dieser Hinsicht verhindert. Ferner ist darüber nachzudenken, ob es wirklich Ziel der Vogelhaltung sein kann, Tiere nachzuzüchten, die ein extrem verfälschtes Verhalten aufweisen und oft nicht fähig sind, sich arteigenen Tieren anzuschliessen.
Bei einer privat durchgeführten Untersuchung zu den Auswirkungen der Handaufzucht wurden von 43 Züchter, davon 24 Züchter von Graupapageien berücksichtigt. Graupapageien waren mit 99 Paaren vertreten, darunter befanden sich 42 Paare, bei denen mindestens eines der Partnertiere handaufgezogen ist. Die Ergebnisse belegen, dass Handaufzuchten mit Vorsicht zu genießen sind. So kamen Probleme bei der Verpaarung von Zuchttieren bei allen Gruppen vor, bei Aras, Graupapageien und Kakadus traten diese Probleme signifikant häufiger bei Handaufzuchten auf. Dabei kann z.B. der Zeitpunkt der Entnahme zur Handaufzucht einen wesentlichen Einfluß auf die sexuelle Prägung haben, da bei einer frühen Entnahme die sexuelle Prägung evtl. noch nicht abgeschlossen ist. Dies kann Fehlverhalten begünstigen. Bei 26 Züchtern zeigten die Zuchttiere Verhaltensabweichungen, d.h. in rund 60% aller Zuchten traten Fehlverhalten wie Rupfen oder Schreien auf. Die größte Zahl der Verhaltensstörungen trat bei den Kakadus auf. Am zweithäufigsten gab es solche Erscheinungen bei Graupapageien (5% der Paare sind Schreier, 27,3% Rupfer und 2% der Paare wiesen sonstige Fehlverhalten auf). Nachdem die Fehlverhalten im Hinblick auf die Aufzuchtart (Handaufzucht oder Naturbrut) betrachtet wurden, zeigte sich allerdings, dass Handaufzuchten nicht signifikant häufiger zu allgemeinen Fehlverhalten neigen als Naturbruten. Anders sieht es aus, wenn es um die Zucht geht. Dieses Teilergebnis mag auf den ersten Hinblick verwundern. Es ist aber zu bedenken, dass Verhaltensabweichungen von Papageien meist haltungsbedingt sind, mit der Aufzuchtmethode zunächst also nichts zu tun haben. Dieser Streß durch fehlerhafte Haltungsbedingungen ist offenbar für Handaufzuchten und Naturbruten gleichermaßen vorhanden. Damit wird aber ebenfalls ein wesentliche Behauptung in der Papageienzüchterwelt widerlegt, die eine bessere Eignung der Handaufzuchten für die Haltung in Menschenobhut propagiert. Dies scheint der Studie nach nicht so zu sein. Ferner ist zu berichten, dass rund 72% der Graupapageienpaare mit Handaufzuchten ihre Jungtiere nicht richtig füttern. Da das Versagen bei der Jungenaufzucht der Handaufzuchten vermutlich auf Fehlprägung zurückgeht, ist es wichtig zu wissen, ab wann Jungtiere einer Handaufzucht zugeführt werden können. Es fällt auf, dass besonders Tiere betroffen sind, bei denen die Entnahme vor der 5. Woche erfolgte. Es ist davon auszugehen, dass zu diesem Zeitpunkt die sexuelle Prägung keineswegs abgeschlossen ist. Werden die Tiere isoliert von artgleichen Individuen aufgezogen, besteht ein besonders erhöhtes Risiko für Verhaltensabweichungen.
Demnach sind Handaufzuchten lediglich eine Notlösung, die eine Überprüfung des Haltungssystems erfordern, wenn sie wirklich nötig werden.